Medizin Mariahilf – Pioniere der Primärversorgung

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Medizin Mariahilf war 2015 die erste Primärversorgungseinheit Österreichs. Die renommierte und bereits seit 1984 bestehende Hausarztpraxis von Dr. Franz Mayrhofer wurde 2010 zur Gruppenpraxis, aus der 5 Jahre später die PVE mit den Allgemeinmedizinern Dr. Fabienne Lamel und Dr. Wolfgang Mückstein gegründet wurde. Wir haben mit Dr. Wolfgang Mückstein über den Werdegang und das Wesen der Primärversorgungseinheit im 6. Wiener Bezirk gesprochen.

 

Herr Dr. Mückstein warum erfolgte die Umstellung der erfolgreich laufenden Gruppenpraxis zur PVE?

Die Organisationform einer PVE hat unseren eigenen Zielsetzungen entsprochen und für uns weitere Entwicklungsmöglichkeiten geschaffen. Unsere Gruppenpraxis war ja bereits als multiprofessionelles Team geführt, in der PVE ist die diplomierte Pflege ein verpflichtender Teambestandteil und weitere Gesundheitsberufe können nun das Behandlungsteam ergänzen – das war und ist ein optimales Setting für uns. Wir wollten einfach „Nägel mit Köpfen“ machen, wozu uns der neue Gesamtvertrag optimale Voraussetzungen liefert. Im Vordergrund steht aber der Wunsch im größeren Team zu arbeiten, sowohl aus fachlicher als auch aus organisatorischer Sicht. Wenn eine Ärztin/ein Arzt in der PVE ausfällt, steht die Praxis nicht still und unsere Patientinnen/Patienten bleiben versorgt. Gerade in „Krisenzeiten“ wie der Coronapandemie schafft die Organisation als PVE auch aus unternehmerischer Sicht mehr Resilienz. Wir bieten seit Oktober 2020 Corona Schnelltest in der PVE an und haben bereits unser Interesse an der Durchführung der Corona Impfung in unserer Ordination bei Bund und Stadt angemeldet.

 

Sie haben das multiprofessionelle Team als großen Unterschied hervorgehoben. Wie wirkt sich das aus?

Nun, wir können mit dem multiprofessionellen Team Leistungen anbieten, die Allgemeinmedizinerinnen/Allgemeinmediziner alleine nicht mehr schaffen. Gemeinsam mit einem Team von diplomierter Pflege bieten wir beispielsweise ein professionelles Wundmanagement und Fachexpertinnen/Fachexperten aus Ernährungsberatung, Psychotherapie und Sozialarbeit ergänzen unser Angebot. Das sind Bereiche, die uns Allgemeinmedizinerinnen/Allgemeinmediziner einerseits in der Arbeit entlasten, andererseits auch außerhalb unserer Kern-Kompetenzen liegen. Statt einer externen Überweisung mit viel Aufwand für die Patientinnen/Patienten erfolgt bei uns eine unkomplizierte interne Überweisung und Terminvereinbarung statt. Damit bieten wir einen „One-Stop-Shop“ für unsere Patientinnen und Patienten.

 

Was bedeutet das für Ihre Patientinnen und Patienten?

Sehr einfach erklärt: wir haben einen niederschwelligen Zugang, ganzjährige Öffnungszeiten, nutzbare Tagesrandzeiten und ein erweitertes Spektrum durch das fachlich heterogene Team. Leistungen wie der Hausbesuch unserer diplomierten Pflegekräfte ermöglichen auch viel in der Erhaltung der Selbständigkeit etwa älterer Menschen oder chronisch Kranker. Ganz im Sinne der Primärversorgung bieten wir eine Rundumbetreuung von Vorbeugung über Behandlung/Heilung bis hin zur Nachsorge und ergänzender Therapien ohne großen Organisationsaufwand für die betroffenen Menschen.

 

Viele Kolleginnen und Kollegen interessiert es natürlich, wie aufwändig der Weg zur Gründung der PVE war?

Unser Weg zur Gründung ist vielleicht kein ganz passender Vergleich für das heutige Umfeld. 2015 gab es noch keine Leistungsverträge mit Bund und Land und auch für die Gesundheitskassen war das Thema noch Neuland. Der Weg damals war also etwas steiniger. Heute ist man kein Pilotprojekt mehr, sondern es gibt stabile Gesamtverträge auf die man sich verlassen kann und auch die lokalen Ärztekammern unterstützen gerne bei der Gründung. Das Zusammenspiel zwischen den Systempartnern Sozialversicherung, Ärztekammer und Landesregierung funktioniert bereits gut. Die Sozialversicherung und das Land bestimmen wo die Primärversorgungseinheiten verortet sein sollen und bei Bewerbungen, die vorzugsweise an die Ärztekammern zu richten sind, erfolgt eine sehr produktive Unterstützung.

 

Wie sieht ihre Empfehlung an Kolleginnen und Kollegen aus?

Allgemeinmedizinerinnen und Allgemeinmediziner die gerne Teamplayer sind, kann ich die PVE als Niederlassungsform nur empfehlen. Es sind zwar höhere Anforderungen zu erfüllen, aber letztlich ergeben sich auch aus wirtschaftlicher Sicht mit einem breiteren Leistungsspektrum bessere Verdienstmöglichkeiten. Dazu ist eine umfangreichere Betreuung der Menschen durch den multiprofessionellen Ansatz möglich und das gesamte ärztliche Arbeiten angenehmer – wenn man gewohnt und bereit ist, mit anderen zusammen zu arbeiten. Systemisch gesehen sind PVE wahrscheinlich sogar günstiger wenn man sich unsere Evaluierungsergebnisse und die durch uns reduzierten Folgekosten ansieht.

Man darf nicht vergessen, dass die PVE auch die Möglichkeit schafft, eine gesunde Work/Life-Balance herzustellen. Im Vergleich zur Spitalsanstellung hat man keine laufenden Wochenenddienste und im Gegensatz zu alleine praktizierenden Hausärzten kann man stressfrei den Urlaub planen oder wenn nötig auch in Krankenstand gehen ohne sofort Sorge zu haben, dass die eigenen Patientinnen und Patienten dadurch unversorgt sind – weil eben Kolleginnen und Kollegen der PVE bei Bedarf einspringen.

Last but not least: auch die Position der PVE-Managerin/Manager hilft sehr, sich auf die ärztliche Kerntätigkeit konzentrieren zu können und erspart die laufende Auseinandersetzung mit Themen wie Steuerrecht, Personalverrechnung oder auch IT-Problemen.