Interview mit HBM Anschober zu Primärversorgung in Österreich

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Seit einigen Jahren ist es nun möglich Primärversorgungseinheiten (PVE) in Österreich zu gründen. Was sind PVE und warum brauchen wir PVE in Österreich?

Wir haben in Österreich seit langem ein sehr gut funktionierendes Gesundheitssystem, das sich aber natürlich auch weiter entwickeln muss um fit für die Zukunft zu bleiben. Immer mehr Ärztinnen und Ärzte wünschen sich neue Formen der Zusammenarbeit im niedergelassenen Bereich. Dies gilt insbesondere für die Arbeit in der Allgemeinmedizin. Daher ist mir die Attraktivierung der Allgemeinmedizin in diesem Zusammenhang ein besonders wichtiges Anliegen.

Die neuen Primärversorgungseinheiten oder kurz PVE können vor allem diese Erwartungshaltungen der jungen Generation gut abdecken. In Primärversorgungseinheiten arbeiten Allgemeinmedizinerinnen und Allgemeinmediziner aber auch diplomiertes Pflegepersonal und weitere Gesundheits- und Sozialberufe eng in einem Team zusammen. Aus meiner Sicht tragen PVE damit dazu bei, auch den Pflegeberuf noch vielseitiger und für mehr junge Menschen interessant zu machen.

Die Möglichkeit der Zusammenarbeit als Zentrum an einem Standort oder als Netzwerk mit mehreren Standorten macht dieses Konzept zudem sowohl für den ländlichen Raum als auch für städtische Bereiche interessant.

Die Arbeit in einem PVE bietet wesentliche Vorteile für alle Teammitglieder, deren Kooperationspartner und vor allem für die Patientinnen und Patienten. Gleichzeitig können PVE nachhaltig dazu beitragen, das Patientinnen und Patienten an der richtigen Stelle versorgt werden und damit die ambulanten Versorgungsstrukturen in den Krankenanstalten entlasten. Das ist sowohl für die Patientinnen und Patienten als auch für das gesamte Gesundheitssystem zentral.

 

Was ist der Unterschied von einem PVE im Vergleich zur klassischen Hausärztin / dem klassischen Hausarzt oder den bestehenden Gruppenpraxen?

Ich glaube PVE zeichnen sich vor allem dadurch aus, dass Allgemeinmedizinerinnen und Allgemeinmediziner ihre hausärztliche Tätigkeit in ein multiprofessionelles Team aus Gesundheits- und Sozialberufen einbetten. Dadurch kann eine breite Palette an Leistungen innerhalb eines eingespielten Teams angeboten werden. Die Bandbreite der Kooperationsmöglichkeiten ist sehr groß. Das Kernteam einer PVE besteht jedenfalls aus Allgemeinmedizinerinnen und Allgemeinmedizinern, diplomierter Gesundheits- und Krankenpflege und Ordinationsassistentinnen und –assistenten. Auch Kinderärztinnen und Kinderärzte können hier vertreten sein. Dieses Kernteam kann je nach regionalen Bedarfen um Angehörige weiterer Gesundheitsberufe zu einem erweiterten Team ergänzt werden. In diesem erweiterten Team arbeiten z.B. Vertreterinnen und Vertreter der Medizinisch-technischen Dienste wie Physiotherapie, Psychotherapie, Logopädie, Diätologie oder Sozialarbeit.

 

Welche Vorteile bringt die PVE für die Patientinnen und Patienten?

Dadurch, dass das erweiterte multiprofessionelle Team breit aufgestellt ist, können Patientinnen und Patienten anhand eines umfassenden Leistungsspektrums unter einem Dach versorgt und betreut werden. Daher können Akutkranke, aber auch chronisch kranke Personen optimal behandelt werden und gleichzeitig auch Gesundheitsförderungs- und Präventionsangebote zur Verfügung gestellt werden. Zudem haben PVE längere und flexiblere Öffnungszeiten, wodurch sich Patientinnen und Patienten auch zu Tagesrandzeiten an die jeweiligen PVE wenden können.

 

Warum ist die Arbeit in einer PVE für die Team-Mitglieder interessant?

Ich denke, die Arbeit in einer PVE ist für viele Ärztinnen und Ärzte sowie für Angehörige der Gesundheitsberufe interessant, die sich eine gut strukturierte Zusammenarbeit in einem Team wünschen. Jedes Teammitglied kann seine Kompetenzen im Sinne einer patienten-orientierten Behandlung einbringen, die den individuellen Bedarf berücksichtigt. Zudem kann man die Arbeitszeit in einem Team flexibler gestalten und den individuellen Bedürfnissen einzelner Teammitglieder, wie z.B. Work-Life-Balance oder einer flexibleren Arbeitszeit- und Urlaubsplanung, auf diese Weise besser Rechnung tragen.

 

Welche Rolle spielt das Teamwork zwischen dem ärztlichen Personal und anderen Gesundheits- und Pflegeberufen in einer PVE?

Aus meiner Sicht ist Teamwork das zentrale Element einer PVE. Der regelmäßige Austausch zwischen den Teammitgliedern ist ein besonders wertvoller Aspekt der täglichen Arbeit. Auch durch die regelmäßige Abstimmung wird der Aufwand für die beteiligten Gesundheitsberufe reduziert und führt gleichzeitig zu einem besseren Verständnis der unterschiedlichen Arbeitsbereiche. Das stetige lernen voneinander und miteinander macht die Arbeitsbedingungen für die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter noch interessanter und spannender.

 

Was kann das Ministerium tun, um die Gründung von PVE voranzutreiben?

Mein Ministerium möchte Gründerinnen und Gründer bestmöglich in der Gründungsphase einer PVE unterstützen. Aus diesem Grund werden im Rahmen der sogenannten Gründungsinitiative zahlreiche Unterstützungsangebote zur Verfügung gestellt. Auf einer eigenen Website werden die wichtigsten Informationen leicht verständlich zusammengefasst. Gleichzeitig werden dort wichtige Dokumente und Unterlagen kostenfrei zum Download zur Verfügung gestellt. Zusätzlich wurde ein ausführliches Handbuch zur Gründung entwickelt, welches die zentralen organisatorischen, wirtschaftlichen und rechtlichen Fragestellungen im Zusammenhang mit der Gründung einer PVE leicht verständlich erklärt. Um auch Finanzierungsfragen gut abdecken zu können, wurde eine Kooperation zwischen der Europäischen Investitionsbank (EIB) und zwei österreichischen Banken durch das Ministerium initiiert. Damit stehen PVE-Gründerinnen und Gründern attraktive Kreditangebote zur Verfügung.

 

Wie viele PVE sind im Gesamtplan für die nächsten Jahre vorgesehen? Gibt es eigentlich Vorgaben, wo PVE entstehen sollen?

Wir haben im Rahmen der Zielsteuerungsvereinbarung zwischen Bund, Ländern und Sozialversicherung das Ziel von 75 PVE bis zum Jahr 2021 festgelegt. Dabei ist auch konkretisiert, wie viele PVE in welchem Bundesland errichtet werden sollen. Nicht zuletzt aufgrund der Covid-19-Krise wird sich diese Zahl bis Ende 2021 voraussichtlich jedoch nicht realisieren lassen. Österreichweit gibt es aktuell 24 PVE, es werden jedoch laufend neue PVE geplant, umgesetzt und eröffnet.

 

Stichwort Covid-19, welche Rolle nehmen die PVE in der Bekämpfung der Covid-19 Krise ein?

Die Primärversorgung – und dazu zähle ich natürlich auch die Einzel- und Gruppenpraxen - hat während der Pandemie einen wichtigen Beitrag dazu geleistet, eine kontinuierliche und breite Versorgung der Bevölkerung auch in diesen schwierigen Zeiten zu gewährleisten. PVE haben es dabei gut geschafft, die notwendigen Anpassungen in den Abläufen und Prozessen vorzunehmen, um adäquat auf die Covid-19-Situation zu reagieren. Dies liegt wahrscheinlich auch an der breiten personellen und oft auch räumlichen Ausstattung, die es erlaubt, hier schnell geeignete Maßnahmen zu treffen. Das streicht klar hervor, dass PVE eine zentrale Rolle in der Stärkung der Primärversorgung in Zukunft einnehmen werden.

 

Was muss man nun tun, wenn man sich für die Arbeit in einer PVE interessiert - wenn man gründen bzw. in einer PVE arbeiten möchte?

Wir stellen für interessierte Personen umfassende Informationsmaterialien der Gründungsinitiative auf unserer Website (www.pve.gv.at) zur Verfügung. Zudem können Interessierte direkt mit den regionalen Ansprechpartnern der Sozialversicherung in Kontakt treten, die man unter www.sv-primaerversorgung.at findet.