Interview mit Franz Kiesl zu Primärversorgung in Österreich

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Wie bewerten Sie die aktuelle Situation in der Primärversorgung in Österreich?

In Österreich haben wir eine sehr gut funktionierende ärztliche Versorgung. Im internationalen Vergleich verfügen wir über eine hohe Ärztedichte, wir bieten rund 3900 Planstellen für Allgemeinmedizin an. Über 98 Prozent dieser Planstellen sind besetzt. Allerdings stecken wir mitten in einem Generationenwechsel. Langjährige Vertragsärztinnen und Vertragsärzte gehen in Pension. Viele Jungärztinnen und Jungärzte haben einen anderen Lifestyle, ein geändertes Rollenbild. Das führt vereinzelt zu lokalen und temporären Nachbesetzungsproblemen. Aber ich sehe aktuell die Versorgung nicht gefährdet. Erstens wird die Pensionierungswelle bis 2025 dauern, danach reduzieren sich die Pensionierungen deutlich. Zweitens haben wir Modelle, die den geänderten Lebenswirklichkeiten Rechnung tragen.

Wir befinden uns also gerade an der Schwelle eines neuen Zeitalters in der medizinischen Versorgung. In Zukunft wird es ein Nebeneinander des „traditionellen“ Hausarztsystems und unterschiedlicher Zusammenarbeitsformen wie Gruppenpraxen oder Primärversorgungseinheiten (PVE) geben. Die Ärztinnen und Ärzte haben die Wahl, die Patientinnen und Patienten weiter eine ausgezeichnete medizinische Versorgung.

 

Wie kann die ÖGK den Fokus von jungen ÄrztInnen stärker in Richtung Allgemeinmedizin lenken?

Uns fehlt es an Nachwuchs in der Allgemeinmedizin, insbesondere auch deshalb, weil viele Studierende ein falsches Bild vom Beruf der Hausärztin bzw. des Hausarztes haben. Ich würde mir wünschen, dass alle Stakeholder im Gesundheitssystem, aber auch im Bildungssystem an einem Strang ziehen und Studierende objektiv informieren. So können sie schon früh erkennen, dass der Hausarztberuf attraktiv ist. Wir fordern auch eine nachhaltige Verankerung von allgemeinmedizinischen Lehrstühlen, zudem forcieren wir Famulaturen sowie Teile des Klinisch Praktischen Jahres (KPJ) im niedergelassenen Bereich, ein Mentorensystem durch niedergelassene Ärzte sowie die Ausbildung in Lehrpraxen, wobei wir der Auffassung sind, dass zumindest Teile der Lehrpraxis schon am Beginn der Ausbildung absolviert werden sollen.

Als größter Krankenversicherungsträger mit rund 7,3 Mio. Versicherten sind wir im Gesundheitswesen ein Big-Player. Wenn wir die besten Ärztinnen und Ärzte als Vertragspartnerinnen und Vertragspartner gewinnen wollen, dann müssen wir ihnen beste Rahmenbedingungen bieten. Viele junge Medizinerinnen und Mediziner wollen neue, familienfreundliche Arbeitsmodelle. Sie sind Teamplayer, die eine Gruppenpraxis oder PVE attraktiver finden als eine Einzelpraxis. Diese unterschiedlichen Modelle bieten wir ihnen an.

 

Welche Erfahrungen hat die ÖGK mit den PVE bereits machen können?

Aus Gesprächen und Befragungen wissen wir, dass Primärversorgungseinrichtungen sowohl bei der Bevölkerung als auch den teilnehmenden Ärztinnen und Ärzten sehr gut ankommen. Medizinerinnen und Mediziner erzählen uns, dass sie von der Arbeit in einem multiprofessionellen Team enorm profitieren. PVE-Manager unterstützen sie administrativ, womit sie sich voll und ganz auf ihre Patientinnen und Patienten konzentrieren können. Therapeutinnen und Therapeuten sowie ein Pflegeteam sind immer vor Ort, das Ärzteteam arbeitet eng zusammen, lernt voneinander und teilt sich die Arbeitszeiten. Auch das Feedback der Patientinnen und Patienten ist durchwegs positiv. Sie schätzen das umfassende Angebot durch die langen Öffnungszeiten und die Leistungen des erweiterten Teams.

Wir sehen aber auch schon auf der Systemebene erste positive Ergebnisse. Die Evaluierungen einzelner PVEs deuten in die Richtung, dass Spitalsaufenthalte tatsächlich gesenkt werden können.

 

Welche Rolle spielen die nicht-ärztlichen Gesundheitsberufe für Sie im Rahmen der Primärversorgung?

Das Zusammenspiel unterschiedlicher Gesundheitsberufe ist das Um und Auf einer PVE. Ärztinnen und Ärzte werden spürbar entlastet. Es gibt ihnen aber auch die Sicherheit, sich auf Kolleginnen und Kollegen verlassen zu können, sobald eine Patientin bzw. ein Patient die Behandlung durch andere Gesundheitsberufe benötigt. Die Patientinnen und Patienten profitieren enorm von der Arbeit eines großen Teams, das sich aus Vertreterinnen und Vertretern verschiedenster Gesundheitsberufe oder auch der Sozialarbeit zusammensetzt. Ein PVE ist ein Hort von geballtem Know-how. Die Behandlung wird unmittelbar niederschwellig fortgesetzt.

 

Wie stellt sich die ÖGK den weiteren Ausbau der PVE vor?

Wir sehen ganz klar: Das Interesse wächst. Im Jahr 2020 konnten wir – trotz Corona – sieben neue PVEs unter Vertrag nehmen, heuer hoffen wir, dass viele weitere dazukommen. Ganz wichtig ist mir, dass in Arbeitsgruppen unter Einbeziehung von Ärztekammern und Ländern klare Zielbilder zu Anzahl und Verortung der PVE in den einzelnen Bundesländern erarbeitet werden. Auf dieser Basis können wir gemeinsam nach Interessenten suchen und Beratungen durchführen.

 

Wie können ÄrztInnen, die sich für die Primärversorgung interessieren, die ersten Schritte Richtung Gründung setzen?

Erste Voraussetzung für die Gründung einer PVE ist, dass sich ein ärztliches Team findet. Gemeinsam erarbeitet man ein grobes Konzept: Wo soll die PVE entstehen? Welches Versorgungsangebot soll es geben? Wie möchte man die PVE gestalten?

Sind das Team und die Standortfrage geklärt, beginnt die konkrete Planung. In der ÖGK gibt es in jedem Bundesland Ansprechpartnerinnen und Ansprechpartner, die die Gründerinnen und Gründer mit viel Know-how und großem Engagement begleiten – zögern Sie also nicht, mit uns Kontakt aufzunehmen.

 

Zur Person Franz Kiesl

Mag. Franz Kiesl, MPM wurde am 5. April 1960 in Helfenberg in Oberösterreich geboren. Ab 1988 war er bei der OÖGKK in verschiedenen leitenden Positionen tätig. Seit 1.1.2020 ist er mit der Fachbereichsleitung des Bereichs Versorgungsmanagement 1 in der Österreichischen Gesundheitskasse betraut. Franz Kiesl hat die Entwicklung der Primärversorgungseinrichtungen in Österreich von Beginn an maßgeblich mitgestaltet und gefördert.

Foto: Elisabeth Grebe