Interview mit Bundesminister Dr. Wolfgang Mückstein zum Thema PVE

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Sie haben 2015 die erste Primärversorgungseinheit Österreichs „Medizin Mariahilf“ gegründet und damit wichtige Pionierarbeit geleistet. Was genau sind PVE und warum brauchen wir PVE in Österreich?

Österreich hat ein sehr gut funktionierendes Gesundheitssystem. Gleichzeitig braucht es im Hinblick auf die Zukunft auch neue Überlegungen der Zusammenarbeit im niedergelassenen Bereich und auch neue Angebote, die die Erwartungen junger Ärztinnen und Ärzte erfüllen. Dies gilt insbesondere für die Arbeit in der Allgemeinmedizin, da angehende Mediziner:innen den Bereich der Primärversorgung oft unterschätzen bzw. die Rahmenbedingungen junge Menschen nicht ansprechen.

Primärversorgungseinheiten oder kurz PVE können diese geänderten Bedürfnisse erfüllen. Sie stellen eine Ergänzung zur bestehenden hausärztlichen Versorgungsstruktur dar. PVE können entweder in Form von Zentren an einem Standort oder als Netzwerk mit mehreren Standorten errichtet werden, was v.a. für den ländlichen Bereich besonders spannend sein kann.

Die Arbeit in einer PVE bietet wesentliche Vorteile für alle Teammitglieder sowie für die Patientinnen und Patienten, weshalb wir uns damals auch zur Gründung entschieden haben. Darüber hinaus können PVE auch zu einer nachhaltigen Entlastung der spitalsambulanten Versorgungsstrukturen in den Krankenanstalten beitragen – das ist besonders zentral für das gesamte Gesundheitssystem.

 

Wo liegt nun konkret der Unterschied zu bestehenden Gruppenpraxen? Wie unterscheidet sich die Arbeit in einer PVE von jener der klassischen praktischen Ärztin bzw. des klassischen praktischen Arztes?

PVE zeichnen sich vor allem dadurch aus, dass Allgemeinmediziner:innen mit anderen Gesundheits- und Sozialberufen in multiprofessionellen Teams zusammenarbeiten und dadurch eine breite Palette an Leistungen anbieten können. Die Bandbreite der Kooperationsmöglichkeiten ist sehr groß. Man unterscheidet im Team zwischen dem Kernteam und dem erweiterten Team. Im Kernteam arbeiten jedenfalls Allgemeinmediziner:innen, diplomierte Gesundheits- und Krankenpflege und die Ordinationsassistenz zusammen – darüber hinaus können auch Kinderärztinnen und Kinderärzte hier im Team vertreten sein. Im erweiterten Team arbeiten z.B. Vertreter:innen der Physiotherapie, Psychotherapie, Logopädie, Diätologie oder Sozialen Arbeit zusammen.

 

Welche Vorteile bringt die PVE für die Patientinnen und Patienten?

Dadurch, dass das erweiterte multiprofessionelle Team breit aufgestellt ist, können Patientinnen und Patienten anhand eines umfassenden Leistungsspektrums versorgt und betreut werden. Daher können Akutkranke, aber auch chronisch kranke Personen optimal behandelt werden und gleichzeitig auch Gesundheitsförderungs- und Präventionsangebote zur Verfügung gestellt werde. Zudem haben PVE längere und flexiblere Öffnungszeiten, wodurch sich Patientinnen und Patienten auch zu Tagesrandzeiten an die jeweiligen PVE wenden können.

 

Warum ist die Arbeit in einer PVE für die Team-Mitglieder interessant?

Die Arbeit in einer PVE ist insbesondere für junge Ärztinnen und Ärzte interessant, da man in Teams strukturiert und organisiert gut zusammenarbeitet. Dadurch kann sich jedes Teammitglied besser auf seine Hauptaufgaben konzentrieren und somit die Behandlung der Patientinnen und Patienten ganz in den Mittelpunkt stellen. Zudem kann man die Arbeitszeit flexibel gestalten und den individuellen Bedürfnissen einzelner Teammitglieder, wie z.B. Work-Life-Balance oder einer flexibleren Arbeitszeit- und Urlaubsplanung, auf diese Weise besser Rechnung tragen. Gleichzeitig wird durch die Teamstruktur eine kontinuierliche Versorgung der Patientinnen und Patienten sichergestellt.

 

Welche Rolle spielt das Teamwork zwischen dem ärztlichen Personal und anderen Gesundheits- und Pflegeberufen in einer PVE? Welche Erfahrungen konnten Sie in Ihrer PVE machen?

Teamwork ist das zentrale Element einer PVE. Der regelmäßige Austausch zwischen den Teammitgliedern ist ein besonders wertvoller Aspekt der täglichen Arbeit, den ich persönlich sehr geschätzt habe. Auch durch die Abstimmung im Prozessverlauf wird der Aufwand für die involvierten Gesundheitsberufe reduziert und führt gleichzeitig zu einem besseren Verständnis der unterschiedlichen Arbeitsbereiche. Das macht die Arbeitsbedingungen für die Mitarbeiter:innen noch interessanter und spannender.

 

Gibt es Maßnahmen, um die Gründung von PVE voranzutreiben?

Das Ministerium hat im Rahmen des EU-Aufbauplans ein Projekt zur Förderung der Primärversorgung eingereicht. Dabei soll bis 2026 neben der generellen Attraktivierung der Primärversorgung auch die Gründung neuer PVE unterstützt werden. Geplant ist die Förderung von Investitionskosten bei Neugründungen, aber auch die Förderung von themenspezifischen Projekten, beispielsweise zur Verbesserung der Energieeffizienz, in bestehenden Einheiten.

Zudem wurden im Rahmen der sogenannten Gründungsinitiative zahlreiche Unterstützungsangebote zur Verfügung gestellt: Auf der Website www.pve.gv.at werden die wichtigsten Informationen leicht verständlich zusammengefasst. Gleichzeitig werden dort wichtige Dokumente und Unterlagen kostenfrei zum Download zur Verfügung gestellt. Zusätzlich wurde ein ausführliches Handbuch zur Gründung entwickelt, welches die zentralen organisatorischen, wirtschaftlichen und rechtlichen Fragestellungen im Zusammenhang mit der Gründung einer PVE leicht verständlich erklärt. Um auch Finanzierungsfragen gut abdecken zu können, wurde eine Kooperation zwischen der Europäischen Investitionsbank (EIB) und zwei österreichischen Banken durch das Ministerium initiiert. Damit stehen PVE-Gründer:innen auch attraktive Kreditangebote zur Verfügung.

 

Das letzte Jahr war stark von der Covid-19 Pandemie geprägt. Welche Rolle nehmen die PVE in der Bekämpfung der Covid-19 Krise ein?

Die Erfahrung der Covid-19-Krise haben gezeigt, dass PVE es besonders gut geschafft haben, die notwendigen Anpassungen in den Abläufen und Prozessen vorzunehmen, um adäquat auf die Covid-19-Situation zu reagieren. Dies liegt auch an der breiten personellen und oft auch räumlichen Ausstattung, die es erlaubt, hier schnell geeignete Maßnahmen zu treffen. In unserer PVE haben wir zum Beispiel im Oktober 2020 begonnen, Antigen-Schnelltests anzubieten. Das streicht klar hervor, dass PVE eine zentrale Rolle in der Stärkung der Primärversorgung in Zukunft einnehmen werden und eine resiliente Gesundheitsversorgung sicherstellen.

 

Was muss man nun tun, wenn man sich für die Arbeit in einer PVE interessiert - wenn man gründen bzw. in einer PVE arbeiten möchte?

Zunächst sollte man sich grundlegende Gedanken zur Teamstruktur und zum Versorgungsauftrag machen. Man muss sich die Frage stellen: mit wem möchte ich wie in der Primärversorgung arbeiten. Interessierte sollten sich jedenfalls das Informationsmaterial der Gründungsinitiative auf unserer Website www.pve.gv.at ansehen und mit den regionalen Ansprechpartnern der Sozialversicherung, die man unter www.sv-primaerversorgung.at findet, in Kontakt treten.