Handbuch für Primär-Versorgungs-Einheiten

Die Bewertung einer Primärversorgungseinheit sollte idealerweise nach den anerkannten Grundsätzen für Unternehmensbewertung durchgeführt werden, wie sie ua. im Fachgutachten der österreichischen Kammer der Steuerberater und Wirtschaftsprüfer KFS/BW 1 vom 26. März 2014 geregelt sind. Wie in anderen international gebräuchlichen Bewertungsstandards basiert der Unternehmenswert nach dem Fachgutachten auf den zum Bewertungsstichtag abgezinsten künftigen Erträgnissen, die dem Eigentümer nach Berücksichtigung des Fremdkapitals künftighin zur Verfügung stehen sollten. Diese Methodik wird deshalb im Fachgutachten zusammenfassend als sog. Diskontierungsverfahren bezeichnet, wobei sich hinter diesem (Über)Begriff unterschiedliche Berechnungsansätze verbergen können, die aber grundsätzlich zu einem vergleichbaren Ergebnis führen sollten. Bei Diskontierungsverfahren errechnet sich der objektivierte Unternehmenswert aus dem Barwert finanzieller Überschüsse, die

  • aus der Fortführung des Unternehmens
  • auf Basis des bestehenden Unternehmenskonzeptes
  • mit allen realistischen Zukunftserwartungen
  • im Rahmen der Marktchancen und –risiken sowie sonstiger Einflussfaktoren
  • und aus der Veräußerung etwaigem nicht betriebsnotwendigen Vermögens

erzielt werden. Die Berechnung des Barwerts erfolgt mit jenem Diskontierungssatz, der der Renditeforderung der Kapitalgeber entspricht. Zu den Diskontierungsverfahren zählen das Discounted Cash-Flow-Verfahren und das Ertragswertverfahren, die sich inhaltlich geringfügig unterscheiden. Im Sinne der Transparenz empfiehlt es sich für die Bewertung, ein sog. Bruttoverfahren heranzuziehen, bei dem zunächst der Marktwert des Gesamtkapitals (Enterprise Value) durch Diskontierung von Free Cash-Flows ermittelt wird. Die Free Cash-Flows werden unter der Fiktion vollständiger Eigenfinanzierung berechnet. Erst nach Abzug des verzinslichen Fremdkapitals (z.B. Bankfinanzierung, verzinsliche Gesellschafterdarlehen, langfristige Personalrückstellungen) und unter Hinzurechnung von nicht betriebsnotwendigem Vermögen (z.B. nicht erforderliche Immobilien, Überliquidität, Kunstgegenstände) ergibt sich der sog. Equity Value, der dem Unternehmenswert aus Sicht der Gesellschafterinnen/Gesellschafter entspricht:

Equity Value Ermittlung
 Entity Value
-Verzinsliches Fremdkapital
+Nicht betriebsnotwendiges Vermögen
=     Equity Value

Equity Value

 

Voraussetzung einer jeden Unternehmensbewertung stellt eine sog. integrierte Planungsrechnung dar, in der über mehrere Perioden sowohl die ertragswirtschaftliche Entwicklung der Einheit (= Plan-GuV-Rechnung) als auch die Entwicklung der Vermögens- und Schuldenpositionen geplant werden. Neben den Ertragskomponenten haben insbesondere die künftigen Investitionserfordernisse (z.B. notwendige medizinische Geräte) wesentliche Auswirkungen auf den Unternehmenswert.

Wie bei allen Bewertungen von KMU empfiehlt es sich, bei Primärversorgungseinheiten Augenmerk auf folgende Aspekte zu legen:

  • Angemessenheit des Unternehmenslohns für Gesellschafterinnen/Gesellschafter im Hinblick auf Arbeitseinsatz und Fähigkeiten
  • Abgrenzung zwischen privater und betrieblicher Sphäre der Gesellschafterinnen/Gesellschafter (z.B. persönliche Haftungen der Gesellschafterinnen/Gesellschafter)
  • Berücksichtigung von besonderen steuerlichen Aspekten, die insbesondere am Beginn von Unternehmen auftreten (z.B. Verwertung von Verlustvorträgen)
  • Äquivalenz von Abzinsungsfaktor und den in der Planungsrechnung verwendeten Zinssätzen (dh.  der Abzinsungsfaktor sollte wie der zugrundeliegende Ertrag [z.B. Jahresergebnis] eine Vor- oder Nach-Steuer-Größe darstellen)
  • Abhängigkeit des Unternehmenserfolgs von Faktoren, die nicht/nur schwer weiterzugeben sind (dies sollte sich in der Planungsrechnung und/oder im Zinssatz widerspiegeln)

Insbesondere für die Bewertung von Primärversorgungseinheiten, die nur für interne Zwecke erstellt werden, können Multiplikatoren in Form von Erfahrungssätzen zur Anwendung kommen. Bei sehr kleinen Einheiten, das sind solche, die etwa die Buchführungsgrenzen nach § 189 UGB von TEUR 700 an Umsatzerlösen p.a. nicht überschreiten, können solche – gegenüber den Diskontierungsverfahren – vereinfachte Verfahren auch bei gesetzlichen Anlässen herangezogen werden. Einen solchen Erfahrungsansatz in der Unternehmensbewertung bietet die unverbindliche Empfehlung der Ärztekammer für Wien, für die Ablöse von Einzel- und Gruppenpraxen beim Kauf/Verkauf einer Ordination oder von Gesellschaftsanteilen.